Für einen Populismus der Mitte

| von Lars Cords

Kampagnen im gesellschaftspolitischen Raum sind einer der besonders wahrgenommenen und diskutierten Handlungsfelder unserer Branche. Nicht erst seit der aktuellen Debatte um die Art und Weise der Einflussnahme von bzw. über Facebook auf die politische Meinungsbildung steht die professionelle Kommunikation in diesem Bereich unter besonderer Beobachtung und sie bedarf besonderer Kompetenzen und Erfahrungen auf Seiten der darauf spezialisierten Agenturen.

Public Campaigning - ein sensibles Handlungsfeld

Ob für Ministerien, Initiativen oder NGOs, für Verbände oder Parteien: schnell stehen beim Public Campaigning Begriffe wie „Propaganda“, „Meinungsmanipulation“ oder illegitimes „Hinterzimmer-Lobbying“ als Generalanklage im Raum. Zudem ist der öffentliche Sektor auch ein Auftraggeber mit vielen Besonderheiten in der täglichen Zusammenarbeit. Public Campaigning ist dabei ein gleichsam bedeutsames wie sensibles Handlungsfeld der Mitgliedsagenturen des GWA. Der GWA Frühjahrsmonitor 2018 hat gezeigt, dass der staatliche bzw. öffentliche Sektor zu den Top 10 der wichtigsten Wirtschaftszweige der GWA Agenturen gehört, bei 21,3 Prozent der Agenturen sogar zu den Top 5.    

Daher gründet der GWA das Forum Public Campaigning, das zukünftig Raum für einen kontinuierlichen Erfahrungs-, Wissen- und Gedankenaustausch unter den Mitgliedsagenturen bietet. Dies sowohl für Mitgliedsagenturen, die sich bereits in diesem Themenfeld auskennen, als auch als Angebot an die Mitgliedsagenturen, die sich dafür interessieren, ihren Kompetenzraum und ihr Angebot in diese Richtung zu erweitern. Und als Dialogangebot an andere Akteure auf Kunden-, auf Medien- oder auf Dienstleisterseite, um gemeinsam über die Anforderungen an eine erfolgreiche politische Kommunikation der Zukunft zu sprechen und zu einer weiteren Professionalisierung in diesem Feld beizutragen.

Inhalte und Themen des Forums sind konkrete Kampagnenbeispiele und Erfahrungen von Mitgliedsagenturen, Fragen der Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Auftraggebern und Agenturen allgemein und die damit verbundenen Herausforderungen wie öffentliche Ausschreibungen. Regelmäßig werden Gesprächspartner in die Runde eingeladen werden, um direkt mit Politik, Wirtschaft und Verbänden in einen Dialog einzutreten und Ideen dafür zu entwickeln, wie sich politische Kommunikation weiterentwickeln muss, um ihre Ziele zukünftig noch bzw. noch besser zu erreichen.

Das alles vor dem Hintergrund der diversen Entwicklungsstränge wie der veränderten Wege der Meinungsbildung der Bevölkerung, die Veränderungen in der Medienlandschaft und dem Verhalten von Journalisten sowie der Verhaltensweisen von Populisten und von Akteuren am rechten wie linken Rand unserer Gesellschaft. Die damit einhergehenden Herausforderungen für Wirtschaft und Politik gilt es zu analysieren und zu diskutieren. Und einen aktiven Beitrag dazu zu leisten, dass wir sie in Zukunft noch erfolgreicher bewältigen.

Vertrauen in Politik und Wirtschaft schwindet

„Hate Speech“  als Mainstream in den sozialen Medien, ständige Abwertung und Verächtlichmachung untereinander und von außen von einzelnen prominenten PolitikerInnen und der politischen Klasse insgesamt, gehäufte Darstellung von Unternehmen und Unternehmern als geldgierige, korrupte Halbkriminelle, Clickbating auch ehemals seriöser Medien mit ständiger Skandalisierung und Aufregungstonalität mit Fokus auf „schlechten“  Nachrichten sind nur einige Stichwort, die aufzeigen, dass wir gerade gemeinsam als Gesellschaft an einem dicken Ästen sägen, auf dem wir alle sitzen: dem Vertrauen in die Problemlösungskompetenz der Eliten.

Dieses Vertrauen erodiert gerade dramatisch in breiten Teilen der Bevölkerung: sowohl das Vertrauen in „die“ Politik als auch das Vertrauen in „die“ Wirtschaft. Und damit die Basis für unsere Demokratie und unsere Sozialen Marktwirtschaft. Und das hat zu großen Teilen mit Kommunikation zu tun. Natürlich auch mit Haltung und mit konkreten Handlungen. Aber vor allem auch mit der zunehmenden Sprach- und Hilflosigkeit, mit „der Bevölkerung“ zu kommunizieren, in einen Dialog einzutreten, um Verständnis für aktuelle Herausforderungen und Zustimmung für konkrete notwendige Reformprojekte zu werben. Der Brexit, das Scheitern der TTIP-Verhandlungen, der Wahlsieg von Trump das Aufkommen und Erstarken der AFD – alles Sputnik-Schocks für Wirtschaft und Politik, dass sie mit ihren Botschaften nicht mehr auf den gewohnten Wegen durchdringen und sicher geglaubte Grundwahrheiten und Mehrheiten in Gefahr sind. Die Aktivierung der Ränder erfolgt von den dort fischenden Akteuren deutlich erfolgreicher als die Aktivierung der Mitte. Das hat zum einen mit einfacheren verkürzten und unwahrhaftigen Botschaften zu tun. Immer mehr aber auch mit schlicht professionellerer Strategie und Wahl der Mittel und Wege der Kommunikation.

Gegen diesen Vorsprung an Aktivierung gilt es den Extremisten etwas aus der Mitte der Gesellschaft entgegenzustellen. Eine neue Haltung, neue Wege, neue Mittel in der Kommunikation. Vielleicht auch eine neue Sprache. Ein „Populismus der Mitte“!

Was können wir von erfolgreichen Beispielen aber auch von gescheiterten Projekten politischer Kommunikation lernen? Was können wir an professionellem Rat, an Best Practices aber auch an Forderungen als Verband zur Debatte beitragen?

Mit diesen und weiteren Fragen werden wir uns in dem neuen GWA Forum Public Campaigning beschäftigen. Alle Mitgliedsagenturen sind herzlich eingeladen, mit uns diese Themen anzugehen.

Die Auftaktveranstaltung war schon einmal ein voller Erfolg und dank des Impuls-Referenten Thomas Strerath sehr inspirierend für alle Teilnehmer. Sein Bericht von den Erfahrungen von Jung von Matt in der Zusammenarbeit mit der CDU im letzten Bundestagswahlkampf war genau der vertrauensvolle Blick hinter die Kulissen der Arbeit einer unserer Mitgliedsagenturen, der diesen Kreis u.a. in Zukunft zu einem besonderen Ort des Austauschs machen soll.

Lars Cords (Scholz & Friends) ist GWA Vorstand und Sprecher des Forums Public Campaigning.