Das Beste kommt zum Schluss

| von Ruth Schulz-Wiemann (DES WAHNSINNS FETTE BEUTE)

Zwischen Raumschiff Enterprise und Denkfabrik: In diesem Beitrag erzählt uns Ruth Schulz-Wiemann ihren ungewöhnlichen Weg mit 60 Jahren in die Agenturbranche und verrät, warum das 'Der beste Job der Welt' für sie ist.

Nach einer klassischen Rentnerin sah ich mit Sechzig weder aus, noch hatte ich bislang über die Option einer frühzeitigen Pensionierung nachgedacht, als das Unternehmen, bei dem ich zuletzt beschäftigt war, in die Insolvenz geriet. Also schrieb ich Bewerbungen und erhielt zunächst jede Menge Absagen. Allein schon mit der Angabe meines Geburtsjahres 1958 fiel ich durch’s Raster: ich sei chancenlos teilte man mir höflich durch die Blume mit. Auch die meisten meiner Bekannten schüttelten den Kopf: “Musst Du Dir das denn noch antun?“ fragten sie mich. Es sei doch jetzt die beste Zeit, sich aus der Berufswelt zu verabschieden.

Doch ich fand, es war Zeit, Schluss zu machen mit sämtlichen Vorurteilen und Klischees gegenüber älteren Arbeitnehmern, gegenüber älteren Menschen überhaupt und blieb hartnäckig. Also änderte ich mein Bewerbungsanschreiben und stellte mein Alter ganz offensiv in den Fokus, machte klar, dass ich mit Sechzig nicht automatisch zum „Club der alten Schachteln“ zähle. Auch wechselte ich mein Bewerbungsfoto und nahm ein authentisches Bild, welches mich nicht – ganz Geschäftsfrau im Kostüm und mit verschränkten Armen vor der Brust - zeigte, sondern - so wie ich bin - neben meinem Schimmel Alasca „sympathisch und gut gelaunt mit meinem besten Mitarbeiter“.

Das hatte Wirkung und änderte alles, denn von nun an bekam ich Anrufe und hatte Vorstellungsgespräche. Und seit einem halben Jahr arbeite ich in meiner Heimatstadt Attendorn bei der Agentur DES WAHNSINNS FETTE BEUTE (DWFB) im Bereich Management-Assistenz und Public Relations. Das Beste daran: ich befinde mich in einer völlig neuen Challenge und bin wieder beteiligt an Aufgaben, die mich bereits in jungen Jahren bei Procter & Gamble begeistert haben: Organisationsentwicklung, mitarbeiterorientierte Unternehmensführung, Firmenkultur, Kommunikationsarbeit. Das ist tatsächlich sogar mehr als ich wollte.

DWFB kümmert sich nicht um Klischees, schert sich weder um Altersgrenzen noch um irgendwelchen anderen gesellschaftlich karierten Unsinn. Hier erlebe ich Inspiration. Menschen beflügeln sich gegenseitig mit Ideen und Spaß am gemeinsamen Wirken, kommen einfach gern zur Arbeit, weil auch ungewöhnliche, wahnsinnige Taten und Charaktere zugelassen und gewünscht sind. Weil Strategen, Konzeptioner, Projektmanager, Grafiker, Digitale und Filmer … einfach Jung und Alt zusammen viele Dinge tun, um Kunden zu begeistern. Mit wahnsinnig interessanten Themen.

Vor allem mit dem Thema, wie Unternehmer mit Markenarbeit zu mehr Kundenloyalität und Arbeitgeberattraktivität gelangen, was sinusbasiertes Employer- und Leadership Branding bedeuten, wie richtiges Recruiting funktioniert und warum familienfreundliche Unternehmen es zukünftig einfacher haben.

In systemischen Workshops lernen Führungskräfte etwas über ihre eigene Sinnhaftigkeit, finden mit Impulsen von DWFB selbst den Sinn und Zweck ihres eigenen Unternehmens heraus und lernen, ihre neu gemachten Erfahrungen, ihre selbst gefundene Marke, für ihren gemeinsamen Erfolg zu nutzen.

Was täglich um mich herum passiert, was ich hier noch immer verwundert wahrnehme, hat bei weitem nichts mit der Arbeit in einer normalen Werbeagentur zu tun. Hier geht es um New Work und Customer Experience Management, um die Lust zu gewinnen und um den 'Erfolgsfaktor Mensch'. Nicht Erfolg macht glücklich, sondern Glück führt zum Erfolg, habe ich gelernt; dass DWFB als Spezialist für Markenführung bereits den 'German Brand Award' gewonnen hat und als Mentor die „Gründer des Jahres“ unterstützt, junge Menschen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen.

Inzwischen war ich Teilnehmerin beim Zukunftsforum mit Richard David Precht und beim sogenannten BeuteBarCamp, bei dem ich mich plötzlich selbst in einer eigenen Session mit 18 Interessierten zum Thema Energie 60+ befand. Wer hätte das gedacht!

Ich befasse mich mit Inbound Marketing, Hubspot und Zimpel und nehme teil an Meetings und Events, in denen für mich „klingonisch“ gesprochen wird. Nie zuvor habe ich – die selbst aus mittelständischen Unternehmen kommt – eine solche Fachsprache gehört. Gerade in den ersten Wochen meines neuen „Fettbeuter-Daseins“ kam ich mir vor wie im Raumschiff Enterprise mit Captain Kirk und seiner Mannschaft und fragte mich, wie ich unseren Bekannten erklären sollte, wo ich mich hier befinde und woran ich arbeite. Das verstand doch kein Mensch! Aber hier … wissen sie, wovon sie reden!

Meine Agentur ist für mich vor allem eines: eine echte Denkfabrik! Hier denken Menschen über wahnsinnige Dinge zum Wohl von mittelständischen Unternehmen nach. Und ich bin mittendrin, erlebe Respekt… gegenüber dem Alter als auch gegenüber Mitarbeitern allgemein. Eigentlich eine selbstverständliche Haltung, die in meiner beruflichen Vergangenheit jedoch oft ein Fremdwort war.

Mit „Energie 60+“ bin ich nochmal neu durchgestartet und dort angekommen, wo es ein besonderes Miteinander gibt, wo Achtsamkeit und Wertschätzung gelebte Werte sind. Ich bin das beste Beispiel dafür, dass noch was geht … wenn man nur nicht aufgibt. Energie 60+ ist zu meinem persönlichen Thema und Herzensanliegen geworden. Jedem, der sich in unserem Alter noch einbringen möchte, empfehle ich, es mir gleich zu tun, sich keinen Vorurteilen zu beugen, sondern sich den richtigen Arbeitgeber zu suchen und konsequent das eigene Ziel zu verfolgen, denn das Beste kommt ja bekanntlich zum Schluss!

.„Anstatt Rente lieber fette Beute!“… das ist mein selbst erwähltes Motto, mit dem ich voller Spannung und Neugier weitermache, bis mir mein Spiegel das Gegenteil empfiehlt.