Bitte mehr Differenzierung!

| von Dr. Ralf Nöcker

Als Mitglied der Baby-Boomer-Generation könnte einem die Emsigkeit, mit denen die Rentenprüfer Geld eintreiben, erst einmal ein gutes Gefühl vermitteln. Das gute Gefühl ist aber schnell verflogen, wenn man sieht, wie rabiat und undifferenziert die Prüfer häufig vorgehen. 

So wäre es beispielsweise hilfreich, wenn sie sich mit den unterschiedlichen Gegebenheiten in verschiedenen Branchen nicht nur vertraut machen würden, sondern auch entsprechend differenziert agierten. Die Welt besteht schließlich nicht nur aus Schlachthöfen, Spargelfeldern und Baustellen. Gefordert sind hier natürlich nicht nur die Prüfer, sondern in besonderem Maße und in erster Linie der Gesetzgeber.

Dessen „One-size-fits-all“-Ansatz, der bei den Arbeitsmarkt betreffenden Regelungen Branchenunterschiede weitgehend ignoriert, geht fehl und ist gesamtwirtschaftlich schädlich. In der Werbebranche haben freie Mitarbeiter ihren Status in aller Regel freiwillig. Sie sind gerne selbständig und lassen sich schlicht nicht fest anstellen, auch wenn die Agenturen sie noch so sehr umwerben, weil sie als Freelancer mehr verdienen und sich ihre Arbeit frei einteilen können. Die „Generation Z“ mit ihren ganz eigenen Ansprüchen verstärkt diesen Trend noch. Die Erkenntnis, dass Fachkräftemangel zu Arbeitnehmermärkten führt, in denen die Arbeitnehmer die Bedingungen diktieren, ist bei der Politik und Rentenprüfern offenbar noch nicht angekommen.

Der Zweck der freien Mitarbeiter ist in der Agenturbranche ein anderer als in vielen „Problembranchen“. Sie dienen nicht dazu, Lohn- und Lohnnebenkosten zu drücken, sondern um das Wachstum der Agenturen zu fördern, indem sie diese etwa bei der Neukundengewinnung projektbezogen unterstützen. Bei Unternehmensberatern gilt dergleichen übrigens ähnlich. Ebenso und vielleicht noch mehr bei IT-Spezialisten. Das alles ist nicht nur persönlicher Eindruck, sondern auch durch Studien längst belegt. In diesen Branchen ein Statusfeststellungsverfahren anzuwenden, dass für Schlachthöfe und auf dem Bau vielleicht passen mag, ist absurd, auch wenn es einträglich ist. Denn die ohne Rücksicht auf Verluste geforderten Nachzahlungen von Renten- und Sozialversicherungsbeiträgen auf Grundlage wackeliger Befunde sind nicht selten existenzbedrohend und vernichten in letzter Instanz Arbeitsplätze, obwohl eine Schutzbedürftigkeit der freien Mitarbeiter überhaupt nicht besteht.

Die Kriterien, nach denen hier zwischen Angestellten und Selbständigen unterscheiden wird, passen nicht und sind nicht eindeutig. Sie bedürfen einer Überarbeitung, die Agenturen und Freelancern Rechtssicherheit bringt und berücksichtigt, dass in einigen Branchen Selbständige nicht geschützt werden müssen. Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag eine Revision dieses Themas vereinbart – leider mit der Zielrichtung, den Schutz der Selbstständigen undifferenziert zu erhöhen. Offenbar hat sie die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt, trotz aller Beteuerungen zur Bedeutung von Kreativwirtschaft und IT. Selbständigkeit ist als Gut und nicht als Problem zu behandeln! Vor diesem Hintergrund ist derzeit leider wenig Anlass für Optimismus.

 

Dr. Ralf Nöcker ist Geschäftsführer des GWA