Und als Letztes ... Diverses

| von Roland Bös, Scholz & Friends

Das Abitur auf einem humanistischen Gymnasium knapp geschafft, ein Studium in Berlin absolviert, für das Praktikum ein WG-Zimmer in Greenwich Village bezogen und nun schon seit Jahren im Hamburger Schanzenviertel zu Hause, wähnte ich mich eigentlich als open-minded und modern. Dennoch war ich von mir, aber aber auch von unserer Branche insgesamt überrascht, dass wir uns teilweise so oberflächlich mit Diversity Management auseinandersetzen. Oder sollte man besser sagen: es aussitzen? 

Erst im Juni attestierte Horizont den Agenturen in Deutschland weitestgehend Stillstand in den letzten zehn Jahren bei diesem Thema. Bei Kritik an der geringen Quote weiblicher Topführungspositionen in Agenturen, waren in der Tat lange Zeit vertraute Reflexe zu beobachten: Es wurde auf die immer gleichen Vorzeigefrauen verwiesen oder auf Teamfotos wurden schnell die Mitarbeiterinnen in die erste Reihe gerückt.

Neben diesen strukturellen Herausforderungen bemerken wir aber auch beim Diskurs über jüngste kreative Arbeiten eine sich neu formulierende Kritik. Bei dieser sind Diversity und Gender Equality der Gradmesser für Likes und Dislikes. Und das nicht nur in den elitären Gesprächszirkeln der Hauptstadt. Bekannte Aktivisten und Initiativen wie Pinkstinks Germany, ein Verein in Hamburg, der in steter Lästigkeit für Werbetreibende und Werbeschaffende Kampagnen bewertet und kommentiert, freuen sich über zunehmende Relevanz und Reichweite. Dort spürt man seit einiger Zeit einen neuen, starken Verbündeten in dieser Sache: den Zeitgeist.

Der findet klischeehafte Familienbilder, Rollenverhalten oder Personengruppen in der Werbung nicht mehr lustig und unterhaltsam – oder gar authentisch –, sondern belegt diese mit der Höchststrafe in unserem Business: Gleichgültigkeit. Plötzlich sehen Werber aus Top-Agenturen erschreckend alt aus. Da mag sich mancher zurückwünschen in eine Branchenwelt, in der nur das Wort von Spießer Alfons oder dem Deutschen Werberat Gesetz war.

Klar, Provokation ist in der Werbung bis heute ein immens wichtiges Stilmittel. Immerhin hat es damit nicht nur mancher Autovermieter zu beträchtlicher Markenbekanntheit gebracht. In den neuerlichen Auseinandersetzungen, was in der Gesellschaft kommunikativ geht und was nicht, greift dieses Mantra aber zu kurz. Und es überzeugt auch nur bedingt, wenn im Diskurs „betroffene Frauen“ aus Agenturen die angeprangerten Kampagnen für gänzlich unbedenklich ob der ihnen gemachten Vorwürfe erklären. Zugegeben, sehr engagiert, aber teilweise auch sehr durchschaubar. 

Mit Scholz & Friends und unseren rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern finden wir uns mitten in diesem gesellschaftlichen Spannungsfeld wieder. Mal in einer aktiveren Rolle, mal agieren auch wir eher reaktiv. Grundsätzlich versuchen wir, dem Thema Diversity in unserer Agentur Raum, Zeit und die Relevanz zu geben, die es verdient, sowie die Entwicklung inhaltlich und substantiell zu begleiten. Dafür wurden bis heute zahlreiche Projekte und Initiativen auf den Weg gebracht:

  • Wir haben unsere Führungsgrundsätze überarbeitet und die Führung geschult. Einer der Grundsätze lautet: „Friends sind bunt!“
  • Mit Catherine Gaudry in  der neu geschaffenen Position „Group Head Talent & Transformation“ werden die Themen Diversity, Gender Equality und Team und Leadership Development intern und extern aktiv vorangetrieben.
  • Unser Female Mentoring Programm „&WOW“ geht dieses Jahr erfolgreich in die zweite Runde. Für uns ein nachhaltiger Weg zur Förderung des eigenen weiblichen Führungsnachwuchses.
  • Recruiting-Requirements wurden für alle Funktionen und Positionen überprüft und angepasst.
  • Für alle Kolleginnen und Kollegen werden „Unconscious Bias“-Trainings entwickelt und angeboten.

Wir sind stolz, dass in unseren Teams in dieser Zeit neue kreative Ansätze mit ersten sichtbaren Ergebnissen – und Erfolgen – entstanden sind. So wurden wir bei The Best Agency Award mit einem unserer „Talent & Transformation“-Projekte dieses Jahr im Bereich Employer Branding als Preisträger nominiert.

Und unsere Berliner Friends wurden mit „The Tampon Book“, das die steuerliche Diskriminierung von Monatshygieneprodukten ganz ohne normschöne Körperbilder thematisiert, schon vielfach ausgezeichnet. So war es der Jury bei den Cannes Lions 2019 den ersten Grand Prix Public Relations für eine deutsche Agentur wert. Und nicht nur bei Awards sorgt diese Arbeit für Furore: Im Oktober dieses Jahres debattiert zu diesem Thema der Deutsche Bundestag. 

Für uns hat es „Diverses“ spätestens damit vom ungeliebten letzten Punkt einer klassischen Agenda in das kollektive Bewusstsein unserer Agentur geschafft. Und im Austausch mit den Agenturen im GWA ist spürbar, dass mehr und mehr Mitglieder das Thema Diversity für sich entdecken.

In diesem Sinne möchten wir euch auf den Nushu Men’s Day am Donnerstag, 22. August 2019 in Hamburg hinweisen. Obwohl von einem Frauennetzwerk federführend organisiert, richtet sich dieses Event erstmals exklusiv an … Männer. 

Beim Nushu Men’s Day kann offen und strittig über neue (und alte) Rollenbilder, Diversity und Geschlechterklischees in Agenturen, Unternehmen, in der Werbung und im Marketing gesprochen werden. Ohne Denkverbote. Speaker aus Agenturen, Unternehmen, Initiativen werden sich mit eigenen Cases in den Austausch einbringen. So kann dieser Tag authentische Eindrücke über aktuelle Standpunkte und Denkweisen vermitteln.

Die Veranstaltung wird am Abend mit einem Get-together ausklingen. Zu diesem sind alle Friends, die Teilnehmer des Events und das Nushu-Netzwerk herzlich eingeladen. Dann wird geschlechterübergreifend gefeiert. Das Programm und alle Infos zur Veranstaltung gibt es HIER.

 

Roland Bös ist Partner & Geschäftsführer bei Scholz & Friends und Vorstand im GWA.