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„Einfühlungsverhältnis“ und „Schnuppertage“ – was ist denn das?

Immer häufiger geben Agenturen Bewerbern die Möglichkeit, zunächst unverbindlich ein paar Tage in den Betrieb „reinzufühlen“. Neben dem ersten gegenseitigen „Beschnuppern“ und Kennenlernen können so die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit geklärt werden: der potenzielle Mitarbeiter kann einen ersten Eindruck von der Branche und den Tätigkeiten dort bekommen und die Agentur kann feststellen, ob der Bewerber in den Betrieb passt.

Die Sozialversicherung und die Gerichte akzeptieren die Vereinbarung von solchen "Probearbeiten" solange, wie die "Spielregeln" dazu eingehalten werden.

Bei Verstößen gegen diese Regeln entsteht jedoch ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis mit den üblichen Pflichten (Arbeitsleistung gegen Entgelt)!

Deshalb sind einige wichtige Fragen zu klären:

Besteht Anspruch auf Vergütung?

Fallen darauf Sozialversicherungsbeiträge an?

Muss eine Sofortmeldung bei der Sozialversicherung erfolgen?

Beim sog. Einfühlungsverhältnis (bzw. “Schnuppertage”) soll der Bewerber um einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz nur eine kurze Zeit (wenige Tage!) die betrieblichen Gegebenheiten erleben. Er soll den Betrieb kennenlernen, den Beteiligten dabei "über die Schulter schauen" und "reinschnuppern". Dadurch sollen die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit und damit für ein potenzielles Arbeits- bzw. Ausbildungsverhältnis geklärt werden.

Es besteht keine Pflicht zur Leistung von Arbeit und deshalb auch kein Anspruch auf Vergütung. Es müssen keine bestimmten Arbeitszeiten eingehalten werden und es können keine arbeitsrechtlichen Weisungen erteilt werden. Die „Zusammenarbeit“ ist also weitgehend unverbindlich.

Unter diesen Voraussetzungen liegt kein Arbeitsverhältnis vor: es sind keine Sozialversicherungsbeiträge abzuführen und es ist keine Sofortmeldung bei der Sozialversicherung abzugeben. 

Vorsicht:  Jeglicher Verstoß gegen diese „Spielregeln“ führt im Zweifel dazu, dass kein Einfühlungsverhältnis mehr vorliegt! Geht das Einfühlungsverhältnis über ein Beschnuppern hinaus und wird der Bewerber in den Betrieb und seine Abläufe integriert, besteht die Gefahr, dass stillschweigend ein Arbeitsverhältnis entsteht!

Tipp: Falls der Betrieb ausnahmsweise doch etwas bezahlt (z.B. Essens- oder Fahrtkostenzuschuss, Entschädigung für den Zeitaufwand), sollte eine ausdrückliche Vereinbarung getroffen werden, dass es sich nicht um eine Vergütung für geleistete Arbeit handelt.

Tipp: Sollte der Bewerber im Rahmen des Einfühlungsverhältnisses einen Schaden verursachen, tritt dessen private Haftpflichtversicherung ein. Der Betrieb sollte sich vor Beginn schriftlich bestätigen lassen, dass der Bewerber entsprechend versichert ist.

Beachte: Wenn der Bewerber während seines Einfühlungsverhältnisses einen Unfall hat, greift in der Regel nicht der Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung.

Beachte: Vom Einfühlungsverhältnis zu unterscheiden ist die Probezeit. Durch die Vereinbarung einer Probezeit kann bei einem Arbeitsverhältnis innerhalb der ersten Monate leichter geklärt werden, ob eine dauerhafte Zusammenarbeit möglich erscheint. Das Gesetz sieht dabei verkürzte Kündigungsfristen vor und es besteht auch kein Kündigungsschutz.

In einem solchen Probearbeitsverhältnis gelten dann aber die üblichen Regeln: Arbeitsleistung gegen Vergütung, Sozialversicherungspflicht und Sofortmeldung.

Es ist dringend zu empfehlen, diese besondere Form der Zusammenarbeit schriftlich zu vereinbaren. Denn so wird auch für Dritte wie beispielsweise die Sozialversicherung sofort ersichtlich, dass weder Betrieb noch Bewerber ein Arbeitsverhältnis eingehen wollen.

Hier ein Muster für eine solche Vereinbarung: 

"Einfühlungsverhältnis

Herr ... erhält vom ... bis ... die Möglichkeit, folgende Bereiche und Abläufe im Betrieb kennen zu lernen: .... Er wird hierzu unter der Betreuung von Frau ... einzelne Tätigkeiten übernehmen, insbesondere ...

Die Vertragsparteien sind sich darüber einig, dass keine Arbeitspflicht besteht und Herr ... keinen Anspruch auf Vergütung hat. Herr ... muss auch nicht zu vorgegebenen Zeiten erscheinen.

Herr ... bestätigt, dass er über eine private Haftpflichtversicherung verfügt.

Beide Seiten können das Einfühlungsverhältnis jederzeit durch einseitige Erklärung beenden.

Nach Ablauf des vereinbarten Zeitraums werden sich beide Seiten darüber verständigen, ob eine spätere Zusammenarbeit erfolgen soll.

 

Ort, Datum                                                                           Ort, Datum

Unterschrift Agentur                                                             Unterschrift Herr ..."

 

Martin Bonelli

Martin Bonelli

Tel.:069 - 256008 - 16
E-Mail:martin.bonelli@gwa.de
Position:Rechtsanwalt (Syndikusrechtsanwalt)