Meinung des Monats Juni

Arme Praktikanten

 

Schlecht oder gar nicht bezahlt, dafür als vollwertige Arbeitskraft missbraucht. Und das über Jahre hinweg, ohne jegliche Aussicht auf eine feste Anstellung. So in etwa stellen sich viele immer noch das Dasein als Praktikant in Unternehmen vor. Und in Agenturen ist alles noch viel schlimmer. Hier beruht ja das Geschäftsmodell auf der systematischen Ausbeutung von Praktikanten, die nichts kosten, deren Arbeitsleistung dem Kunden aber in Rechnung gestellt wird. Gut, wird mancher sagen, dass Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, dem Spuk ein Ende gesetzt hat und nun auch die Arbeit der Praktikanten mit wenigen Ausnahmen mit Mindestlohn entgolten werden muss - so weit, so falsch!

Denn der Schuss ging ordentlich nach hinten los. Statt glücklicher, weil nun halbwegs gut bezahlter Praktikanten findet man nun in großer Zahl Studierende vor, die sich gerne beruflich orientieren würden, es mangels Angebot von Praktikumsplätzen aber nicht mehr wie früher können. Denn die Unternehmen haben das Angebot solcher Plätze radikal eingedampft. Der Stifterverband rechnet mit einem Wegfall von einem Sechstel aller Plätze, in der Agenturbranche liegt der Anteil deutlich höher. Die Dummen sind hier also genau die, die eigentlich vom Gesetz geschützt werden sollten. Arme Praktikanten!

Das Mindestlohn-Gesetz taugt also an dieser Stelle nichts und muss geändert werden. Schon die zugrundeliegende Diagnose hat mit der Realität nichts mehr zu tun. Studierende, die sich nach Art „Generation Praktikum“ ausbeuten lassen, gibt es schlicht nicht mehr. Die Machtverhältnisse haben sich hier deutlich verschoben. Wer den Nachwuchs heute nicht hofiert, gewinnt ihn nicht. Auch eine andere Prämisse ist falsch. Ein Praktikum dient eben gerade nicht in erster Linie dem Gelderwerb, sondern der beruflichen Orientierung. Es kann also gesetzlich nicht einfach behandelt werden wie eine normale Tätigkeit. Der Mindestlohn setzt hier sogar komplett falsche Anreize für die Unternehmen, nach dem Motto ‚wenn ich den Praktikanten schon bezahle wie einen Hilfsarbeiter, dann soll er auch entsprechende Tätigkeiten übernehmen und mir einen echten Gegenwert liefern’. Genau so sollte aber ein Praktikum nicht aussehen. Direkter Nutznießer des Praktikums muss in allererster Linie der Praktikant sein. Das Unternehmen kann indirekt profitieren, indem es Studierende und Absolventen für sich gewinnen und interessante Kandidaten bei der Arbeit erleben kann. Damit ist die bei weitem wichtigste Währung, in der das Praktikum entgolten wird, Berufserfahrung, Orientierung, und häufig der Einstieg in die Berufslaufbahn. Dass der Praktikant über die Runden kommen muss, ist dabei auch klar, daher muss das Praktikum auch bezahlt werden. Aber nicht mit dem Mindestlohn.

Aus unserer Sicht wäre eine Bezahlung mit der Hälfte des Mindestlohns von Tag eins an sachgerecht. Wir haben uns, gemeinsam mit dem DDV, mit dieser Forderung an das Ministerium gewandt. Hoffen wir mal, dass die Ministerin den potentiellen Praktikanten den Gefallen tut, uns hier zu folgen.