“GEO ist sehr dringlich” mit Matthäus Michalik

Claneo-Chef Matthäus Michalik nennt einen 5-Punkte-Plan und hält GEO für eines der größten Wachstumsfelder für Agenturen

Du hast in einem Webinar der GWA Academy kürzlich über GEO gesprochen. Wie dringlich ist das Thema für Agenturen eigentlich wirklich oder ist es nur ein Hype?

Aus meiner Sicht ist GEO sehr dringlich, und zwar kein Hype mehr. ChatGPT zählt laut OpenAI inzwischen mehrere hundert Millionen wöchentlich aktive Nutzer, und auch Google blendet bei einem nennenswerten Teil der Suchanfragen mittlerweile AI Overviews ein. Das verändert das Suchverhalten spürbar. Viele Recherchen, gerade im B2B-Umfeld, starten heute eben nicht mehr bei Google, sondern in ChatGPT, Perplexity oder im Google AI Mode. Für Kommunikationsagenturen ist das doppelt relevant, weil sie GEO sowohl in eigener Sache beherrschen müssen als auch zunehmend für ihre Kunden mitdenken sollen. Wer jetzt einsteigt, verschafft sich einen ähnlichen Vorsprung wie die SEO-Pioniere vor zwanzig Jahren. Hype ist meiner Meinung nach höchstens das Tool- und Buzzword-Karussell drumherum, das Thema selbst aber nicht.

Man hört immer wieder: GEO unterscheidet sich kaum von SEO. Wo liegen die größten Unterschiede?

Es gibt eine sehr große Schnittmenge. Saubere Technik, gutes Crawling, hochwertige Inhalte, strukturierte Daten und E-E-A-T, also Experience (Erfahrung), Expertise (Expertise), Authoritativeness (Autorität) und Trust (Vertrauen) zählen weiterhin. Trotzdem verschiebt sich einiges grundlegend. Klassisches SEO liefert eine Linkliste, aus der die Nutzer selbst auswählen. GEO liefert eine fertige Antwort, also kein Ergebnisfeld mit zehn blauen Links mehr, sondern ein einziges Empfehlungsfenster. Auch die Mechanik dahinter ist eine andere, denn KI-Systeme arbeiten mit Chunks, Embeddings und Query-Fan-out statt mit klassischer Keyword-Logik. Spannend ist außerdem der Quellenmix: Laut einer Studie aus Oktober 2025 stammen 85 Prozent aller Markennennungen in der KI-Suche von fremden Domains, gerade einmal 13 Prozent von der eigenen Website. Erfolg misst sich entsprechend nicht mehr nur in Traffic, sondern in Mentions, Citations und Aufmerksamkeit. Und man muss damit leben, dass Antworten nicht mehr deterministisch sind. Derselbe Prompt kann je nach Modell, Tageszeit und Kontext unterschiedlich ausfallen.

Was wird sich in naher Zukunft – auch durch Einsatz von KI und anderer innovativer Technologie – in Sachen Effektivität verändern?

KI und innovative Technologien werden die Effektivität im Marketing durch präzise und Hyper-Personalisierung, automatisierte Prozesse und bessere datenbasierte Entscheidungen deutlich steigern. Dies führt zu stärkerer Loyalisierung, effizienteren Abläufen und damit zu erhöhter Geschwindigkeit.

Was sollten Agenturen nun schnellstmöglich umsetzen – kannst Du uns einen 5-Punkte-Plan nennen?

Ich würde es so angehen: Im ersten Schritt den Status quo messen, also ein festes Set an Prompts definieren, etwa „Beste Kreativagentur Hamburg“ oder „Top Kommunikationsagenturen für nachhaltige Marken“, und das mit Tools wie Peec AI, Rankscale oder Otterly AI systematisch beobachten. Im zweiten Schritt die Technik freischalten, also KI-Crawler in robots.txt und Firewall sauber zulassen, JavaScript-Rendering prüfen und strukturierte Daten ausspielen. Ohne Zugriff keine Sichtbarkeit. Drittens den Content schärfen und in Chunks denken: ein Gedanke pro Abschnitt, klare Aussagen mit Zahlen, Quellen, Autorenangaben und FAQ-Bereichen. Viertens die Offpage-Präsenz aufbauen, denn laut Studien stammen 90 Prozent der Drittanbieter-Nennungen aus Listicles und Vergleichsartikeln. Da gehört man hinein, ergänzt um Digital PR, Bewertungsplattformen und Fachmedien. Und fünftens Monitoring und Reporting fest verankern, zum einen den geringen Webseiten-Traffic, der von KI-Systemen kommt und parallel mit einem laufendem Tracking von Mentions, Citations und Sentiment über spezialisierte Tools.

Welche sind aus Deiner Erfahrung die größten Fehler, die Agenturen und auch andere Unternehmen in ihren GEO-Optimierungs-Prozessen zurzeit machen?

Der Klassiker ist, GEO als reines Add-on zur bestehenden SEO-Roadmap zu behandeln. Es ist aber eine Querschnittsdisziplin aus Content, PR, Brand und Technik, und genau so muss man es auch aufstellen. Viele schauen zudem nur auf die eigene Website, dabei kommen wie gesagt 85 Prozent der KI-Nennungen aus Drittquellen. Genauso problematisch sind pauschale Empfehlungen wie „macht Reddit, schreibt auf Medium, holt euch einen Wikipedia-Artikel“. Das funktioniert nicht universell, weil jede Branche ihre eigenen zitierten Quellen hat. Das muss man individuell analysieren. Ein weiterer beliebter Fehler ist, KI-Crawler aus Angst zu blockieren. Wer nicht gecrawlt wird, kann auch nicht zitiert werden. Hinzu kommen austauschbare Inhalte ohne eigene Daten, Cases oder Standpunkte, das falsche Erfolgskriterium Traffic statt Mentions, einmalige Optimierungen statt eines kontinuierlichen Prozesses und der Einkauf von Buzzword-Beratung ohne wirkliche Methodik dahinter. Davon gibt es im Markt aktuell leider ziemlich viel.

Du hast eine interessante Zahl genannt, wonach 85 Prozent des von LLMs genutzten Contents aus Drittquellen stammt. Eine echte Renaissance für PR, und wenn ja: Was bedeutet das konkret?

Ja, ganz klar eine Renaissance. Aber bitte als Digital PR mit GEO-Brille, nicht als klassische Pressearbeit alter Schule. Owned Media bleibt wichtig als Beleg- und Faktenbasis, doch Earned Media liefert die Reichweite und das Vertrauenssignal Richtung KI. Konkret heißt das: Listicles, Rankings und Vergleichsartikel in den Fachmedien platzieren, die KI-Systeme bevorzugen.Wichtig ist, sich pro Branche anzuschauen, welche Domains ChatGPT, Perplexity und der Google AI Mode tatsächlich zitieren. Erst messen, dann gezielt platzieren. Pressearbeit, Bewertungen, Community-Engagement in Foren und Thought Leadership auf LinkedIn werden so zu echten Performance-Hebeln. Das funktioniert aber nur, wenn PR und SEO endlich enger zusammenrücken statt wie früher in getrennten Welten zu arbeiten. Für viele klassische Kommunikationsagenturen ist das übrigens eine riesige Chance, weil sie Earned-Media-Mechaniken längst beherrschen und nun GEO-relevant einsetzen können.

Ist GEO auch ein gutes Thema für Agenturen, Neugeschäft oder Zusatzgeschäft bei ihren Kunden zu generieren?

Aus meiner Sicht ist GEO eines der größten Wachstumsfelder der nächsten Jahre, durchaus vergleichbar mit dem SEO-Boom ab 2008. Der Beratungsbedarf ist enorm, weil Standards fehlen, Tools sich quasi monatlich verändern und interne Teams oft schlicht überfordert sind. Für Agenturen ist das eine sehr dankbare Ausgangslage. Bestandskunden in Content, Brand oder PR brauchen jetzt eine GEO-Erweiterung, das ist klassisches Cross- und Upselling. Auch Neugeschäft entsteht über Themen wie Sichtbarkeitsanalysen in KI-Systemen, Prompt-Tracking, Content-Refresh und Offpage-Strategie. Ich rechne damit, dass die nächsten drei bis fünf Jahre die Phase mit dem höchsten Beratungsdruck werden, weil viele Unternehmen jetzt aufholen müssen, was sie sonst strukturell verlieren. Langfristig wird GEO kein Trendprojekt, sondern ein dauerhafter Kanal mit Strategie, Monitoring, Content, Technik und Offpage als laufende Prozesse.

Aus Nachfragesicht formuliert: Wann und warum sollten sich Unternehmen beim Thema GEO-Optimierung unbedingt externe Beratung suchen?

Spätestens dann, wenn intern niemand klar die Verantwortung trägt, weil GEO irgendwo zwischen Marketing, Content, PR und Brand schwebt. Genauso, wenn die eigene Sichtbarkeit in KI-Systemen noch nie strukturiert gemessen wurde, denn ohne Baseline ist jede Maßnahme reines Bauchgefühl. Besonders dringend wird es in Branchen, die stark in KI-Antworten stattfinden, etwa Reisen, Finanzen, SaaS oder Health, vor allem wenn Wettbewerber dort bereits aktiv empfohlen werden. Auch wenn die technische Basis unklar ist, also Crawler-Zugriff, Rendering oder strukturierte Daten, lohnt sich ein externer Blick. Offpage-Maßnahmen wie Listicles, Digital PR und Bewertungen sind ohne belastbares Netzwerk und PR-Erfahrung kaum skalierbar. Und beim Thema Tools und Reporting kann eine falsche Entscheidung schnell sechsstellig kosten. Kurz gesagt: Externe Beratung lohnt sich immer dann, wenn Geschwindigkeit und Methodik wichtiger sind als Trial and Error.

Letzte Frage: Welche Frage haben wir vergessen, was möchtest Du den Leserinnen und Lesern unbedingt noch mit auf den GEO-Weg geben?

Mir fehlt eine Frage: „Was passiert eigentlich mit klassischer SEO?“ Die Antwort ist eindeutig. SEO bleibt zentral. Laut Similarweb nutzen 95,3 Prozent der ChatGPT-Nutzer parallel weiterhin Google. Wer also nur auf GEO setzt und SEO links liegen lässt, verliert unterm Strich. Den GWA-Mitgliedern möchte ich drei Dinge mitgeben. Erstens: einfach anfangen, nicht perfektionieren. Eine erste Sichtbarkeitsanalyse in zwei Wochen bringt mehr als ein perfektes Konzept in sechs Monaten. Zweitens: Die Marke ist der entscheidende Hebel. KI-Systeme empfehlen Entitäten, die in vielen vertrauenswürdigen Quellen konsistent auftauchen. Brand Building zahlt also direkt auf GEO ein, und genau das ist eine Kernkompetenz vieler Kommunikationsagenturen. Und drittens: Hört auf, in Silos zu arbeiten. Strategie, Content, PR, Brand und Produkt müssen gemeinsam an GEO arbeiten, sonst bleibt es Stückwerk. Mein Tipp speziell für Agenturen: Probiert es zuerst an euch selbst aus. Wer die eigene Agentur nicht in KI-Antworten platzieren kann, wird das bei Kunden auch nicht glaubwürdig vermarkten.

Kontakt zu Matthäus Michalik über https://www.claneo.com/de/