

Nela Riehl
Abgeordnete im Europaparlament (MEP)Vorsitzende im Ausschuss für Kultur und Bildung
Interview mit Nela Riehl
GWA KI Whitepaper 2026 – Die Interviews
Was muss sich jetzt ändern, damit junge Menschen KI nicht nur benutzen, sondern verstehen und beurteilen können?
Es fängt mit der Haltung an. In Deutschland diskutieren wir KI fast ausschließlich als Gefahr. Natürlich gibt es Risiken, aber ohne Neugier verpassen wir Chancen und verlieren den Anschluss. Das entscheidet auch, ob Lehrkräfte sich überhaupt fortbilden. Als ich noch unterrichtet habe, bekamen wir einen nagelneu eingeführten Hamburger Bildungsplan, der fünf Jahre gelten sollte. Das Wort „KI“ kam darin nicht vor. Ob das inzwischen nachgebessert wurde, weiß ich nicht. Aber dieses Grundverständnis, dass KI nicht weggeht, fehlte damals schlicht.
Welche Fähigkeiten müssen Schule, Ausbildung und Hochschule künftig wirklich vermitteln – jenseits von „Tool-Bedienung“?
Kritisches Denken bleibt zentral, gerade weil ein Teil des Denkens an Systeme ausgelagert wird. Kurzfristig bringen Schüler bessere Leistungen, wenn sie KI nutzen, langfristig schlechtere. Aber kritisch sein allein reicht nicht: Es braucht ein Grundverständnis, wie diese Systeme funktionieren. Wir werden nie alle dazu befähigen, KI-Inhalte zuverlässig zu erkennen, aber dieses Systemverständnis muss in den Unterricht und darf kein freiwilliges Zusatzthema sein.
Verstärkt KI Bildungsungleichheit – oder kann sie diese reduzieren?
Das Potenzial für mehr Chancengleichheit ist real. Individualisiertes Lernen, auf jeden Schüler zugeschnitten, wäre eine Riesenchance. Aber so wie KI heute genutzt wird, verstärkt sie eher Ungleichheit: Manche Kinder werden begleitet und profitieren, andere werden alleingelassen. Dann wird KI schnell riskant. Und es scheitert oft an schlichten Basics: In meinen Klassen hatten wir 25 Kinder und neun funktionierende Laptops. Ohne Hardware bleibt alles Theorie. Es ist Glückssache, wo man in Europa zur Schule geht, und das darf nicht sein.
Was steht durch generative KI in der Kreativwirtschaft auf dem Spiel – und was ist die Chance?
Zwei Punkte: Vielfalt und Vergütung. Wenn „KI-Kunst reicht“, verarmt Vielfalt langfristig. KI-Systeme reproduzieren immer wieder, was schon läuft. Gleichzeitig werden Werke genutzt, ohne dass die Menschen dahinter profitieren. Wir arbeiten gerade an der Copyright-Novelle. Das Ziel ist die faire finanzielle Beteiligung für alle, deren Werke als Trainingsgrundlage dienen.
Wo muss Europa bei KI härter sein – und wo pragmatischer?
Regulierung ist nicht negativ. Viele Kreativschaffende sagen: Klare Regeln schützen – und fördern sogar Innovation, weil sie Leitplanken setzen. Gleichzeitig war Europa bisher zu vorsichtig, einen eigenen Markt für europäische Produkte und Plattformen zu schaffen. Die Abhängigkeiten, die daraus entstanden sind, spüren wir jetzt. Die Balance ist dünn – aber die Baseline ist klar: Kreative Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können, ohne dass ihr Werk einfach verwendet wird, ohne sie zu nennen.

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